YUKON LOU

Schiffstagebuch

 

Erinnerung an den 16.8.1977

Tour von Californien - Nevada  USA

Es ist heute der 16. August 1977. Gestern sind wir in San Francisco aufgebrochen und sind direkt in den Yosemity Park gefahren. Haben den Park einmal in seiner Gänze bereist, wunderbare Eindrücke mitgenommen, etliche Meter Super 8 Filmmaterial verdreht und Fotos gemacht und dann abends vergeblich im Park eine Bleibe gesucht.

 

Das bedeutete, wir mussten raus aus dem Park und zwar nach Osten, wollten wir doch hoch zum Yellow Stone Park. Es war schon ziemlich spät, und die einzige Tankstelle hatte schon zu. Die Sonne beleuchtete zwar noch die Spitze vom El Capitan, dem gewaltigen Fels, dessen nach Westen gewandte Seite über 1000 Meter steil abfällt. Es wurde rasch dunkel und um unseren Benzinvorrat war es auch nicht zum Besten bestellt. Die Tankuhr war schon kurz vor Reserve.

 

So fuhren wir bei bereits aufgegangenem Mond, der diese traumhafte Landschaft in einem gepenstischen, fahlen bis graugelben Licht erscheinen ließ, immer höher und höher in die Berge hinauf Richtung Tioga Pass. Es wurde still im Auto. Wann erreichen wir die Passhöhe und - erreichen wir Sie überhaupt. Der Sage nach soll dort eine Tankstelle sein. Hat die denn noch auf? Es wurde auch immer kälter, unten im Yosemity Valley waren es über 30 Grad, hier schien man sich der Frostgrenze zu nähern.

 

Die Tankuhr stand schon lange im roten Bereich, der Motor musste jeden Moment anfangen zu husten und zu stottern, um dann endgültig zwei arme deutsche Studenten den Grizzlyis zu überlassen. Es kamen schon seit langer Zeit keine Autos mehr entgegen, wahrscheinlich war der Osteingang bereits für die Nacht gesperrt. Immer noch stieg die Straße an, es hörte nicht mehr auf. Doch plötzlich ließ die Steigung nach, wir fuhren in eine Hochebene und glaubten ganz weit hinten ein Licht zu sehen. Hoffnung kam auf. Ist das die Rettung? Ja, sie war es. In Form einer geöffneten Tankstelle am Osteingang des Parks. Sofort da ran gefahren und die Hütte voll gemacht, war wohl auch die teuerste Tankfüllung der Reise, aber das war völlig egal, erst mal gerettet. Hier oben war es schweinekalt und im Straßengraben lagen Schneereste!!! Mitte August. Aber kein Wunder, diese Straße ist ja neun Monate im Jahr wegen Schnee gesperrt.

Von nun an ging´s bergab! Steiler als der Aufstieg von Westen, ging es nun den Osthang der Sierra Nevada runter nach Lee Vining, einem kleinen Ort zwischen den Bergen im Westen und dem Mono Lake im Osten. Zu unser allergrößten Freude bekamen wir sogar noch ein Motelzimmer für die Nacht und zu Essen gibt es im Land des unbegrenzten Service immer etwas.

Ein kühles Bier noch und dann war auch schon Ruhe im Karton. Soweit die Ereignisse am 15.8.1977.

 

Heute sollte es erst ans Ufer des Mono Lakes gehen. Dieser See wurde früher einmal im wesentlichen für die Wasserversorgung von Los Angeles herangezogen, wodurch dann allerdings im Laufe der Jahre der Wasserstand immer weiter sank und sowohl die Salinität als auch die Alkalität dramatisch anstiegen und zwar auf ein Maß, wie es in keinem anderen Gewässer der Erde vorzufinden ist. Wir waren allerdings durch die berühmte Postkarte und der Innencoverseite aus dem Pink Floyd Album "Whish You Were Here" von 1975 inspiriert, diesen Platz aufzusuchen. Wir wurden nicht enttäuscht, nur konnten wir uns nicht darauf einigen, wer den legendären Handstand, wie er auf dem Bild im Album abgebildet ist, nachstellen sollte.

 

Wir sind dann weiter nach Bodie gefahren, einer sehr gut erhaltenen Ghost Town. Auch hier, wie schon zuvor am Mono Lake wieder meterweise Super 8 Material verdreht. (Was unserem im Winter zusammengeschnittenen und vertonten Roadmovie "Rock´n Roll forever" sehr zu gute kommen sollte). Bodie erreichten wir nach ca. 15 Meilen Schotterpiste, die wir laut Mietvertag mit unserem Dodge Charger gar nicht hätten fahren dürfen, aber wer weiß den so was??!! Kein Mensch ließt doch diese Verträge durch.

 

Bodie hatte 1877 500 Einwohner, 1880 auf dem Höhepunkt des Goldrushes 10.000, um dann nur zwei Jahre später wieder auf 2000 Einwohner zurück zu gehen. Es muss recht gewalttätig in Bodie zu gegangen sein. Es ist ein Ausspruch eines jungen Mädchens überliefert, das mit seinen Eltern dorthin ziehen sollte. "Mein Gott, wir zieh´n nach Bodie."

 

Wir verließen Bodie auf dem gleichen Weg, wie wir gekommen sind, einen anderen gab es auch nicht. Am Ende der Dirt Road bogen wir nach Norden ab und erreichte gegen Mittag die Ortschaft Topaz am gleichnamigen See. Kurz hinter Topaz kommt die Grenze zwischen Californien und Nevada. Da wir nach diesem Vormittag richtigen Hunger hatten, wurde nach einer Hamburger Bude geguckt und die stand tatsächlich kurz hinter der Staatsgrenze. Es war genau zwölf Uhr Mittags - High Noon, wir wollten gerade das Auto verlassen, als im lokalen Radiosender die Mittagsnachrichten kamen. Hören wir doch mal rein, haben wir uns gedacht, wir waren ja schon lange unterwegs und hier draußen interessiert sich doch keine Sau dafür, was in der weiten Welt so vor sich geht.

 

Doch irgendwas stimmte mit dem Radiosprecher nicht. Der erzählte da, man könnte es auch faseln nennen, irgendetwas vom Tod eines großen Königs, der von uns gegangen sei, der unersetzlich wäre und ganz America in Schockstarre versetzt sei. Bis er dann nach einer ewig lang erscheinenden Minute damit rüber kam, das Elvis Presley heute Morgen gestorben ist. Das war tatsächlich ein Hammer. Auch wenn wir schon eine halbe Generation nach Elvis groß geworden sind und er nicht unbedingt zu unserer ersten Wahl der Mucke gehörte, ist er zweifelsfrei einer der ganz Großen der Musikgeschichte und aus den USA der fünfziger und  frühen sechziger Jahre nicht wegzudenken.

 

Von nun an änderte sich an diesem Tag alles. Jeder Radiosender spielte nur noch Elvis rauf und runter, immer unterbrochen von Nachrichten und Kommentaren zu seinem Tode. Flagge standen auf Halbmast, seine Lebensgeschichte wurde rauf und runter erzählt. Eine richtige Hype würde man das heute (2017)nennen.

 

Wir fuhren über Carson City weiter nach Reno , um dort nach Osten auf die Interstate 80 abzubiegen. Parallel zur Interstate 80 verlief nun die Eisenbahnlinie der UNION PACIFIC. Immer noch standen die aus jedem Western bekannten, hölzernen Telefonmasten entlang der Strecke. Diese Linie war die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung zwischen Atlantic und Pacific. Sie wurde 1869 fertiggestellt. Der Stoff ist in zig Büchern und Filmen verarbeitet worden.

 

Von Reno sind es gut 150 km bis nach Lovelock. Dort suchen wir uns ein Motel mit dem berühmten "Vacancy" Zeichen und fahren auf den Parkplatz. Beim betreten der Lobby haut es uns fast von den Beinen: der Fernseher in voller Lautstärke mit Berichten zu Elvis und davor heulende Menschen.

 

Haben dann in einem typischen Family Diner was zu Abend gegessen: auch hier das gleiche Bild. Das sollte sich in nächsten Tagen auch nicht mehr ändern. So endete der Tag vor genau vierzig Jahren mit heulenden Americanern und zwei jungen Deutschen, die einfach nur noch ein Bier tranken - oder auch zwei. Mann weiß es nicht mehr so genau.

 

hier gehts zurück zur Heimreise nach Travemünde im August 2017

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